Überzogene Angst vor De-Industrialisierung
ab Köln – Der größte Preisschub bei den Energiepreisen steht der europäischen Wirtschaft in diesem Jahr erst noch bevor. Damit geht jedoch nicht automatisch der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen im Vergleich zu ihren US-amerikanischen Konkurrenten und damit die befürchtete De-Industrialisierung einher, wie aus einer Studie von Allianz Research hervorgeht. Der Grund: Die Energiekosten machen nur 1 bis 1,5 % der Produktionskosten aus.
Wenngleich die Energiepreise im abgelaufenen Turnus schon spürbar gestiegen sind, werde sich die Energiepreisinflation in diesem Jahr beschleunigen, da viele Lieferkontrakte zur Verlängerung anstünden und damit erst jetzt die Preisanpassung an die Marktpreise erfolge. Konkret gehen die Studienautoren in Deutschland im Vergleich zu 2021 von einem Preisschub von 40 % aus, in Italien und Spanien dürften es dagegen 90 % sein.
Doch trotz der gestiegenen Energiekosten sei die Industrie in Europa 2022 leicht gewachsen. Selbst in Sektoren, die wie die italienische Elektroindustrie unter starkem Wettbewerbsdruck stehen, sei der befürchtete Einbruch ausgeblieben. Lediglich in der Stahl- und Aluminiumindustrie ist es nach der Studie in Europa aufgrund der hohen Stromkosten teilweise zur Stilllegung von Anlagen gekommen.
Nicht von der Hand zu weisen sei, dass sich die Schere zwischen den Energiepreisen in Europa im Vergleich zu den USA seit Ausbruch des Ukraine-Krieges vor allem in der Industrie geöffnet habe. Zudem verbrauchten die Unternehmen auf dem alten Kontinent relativ mehr Energie als ihre US-Wettbewerber. Das sei vor allem in der Elektro-, Metall-, Papier- und sowie Chemieindustrie der Fall. Der Einfluss der gestiegenen Energiepreise auf die Wettbewerbsfähigkeit sei jedoch überschaubar. Von weitaus größerer Bedeutung sei die Verfügbarkeit von Energie.
Die relative Wettbewerbsfähigkeit mache sich vor allem am Wechselkurs und den Produktionskosten fest. Wobei für letztere vor allem die Arbeitskosten, die Rohmargen und der Einsatz an Inputfaktoren (inklusive Energie) ausschlaggebend seien. Beziehe man all diese Faktoren in die Kalkulation ein, zeige sich, dass sich die relative Wettbewerbsfähigkeit der US-Unternehmen aufgrund der Dollar-Aufwertung seit 2021 gegenüber den meisten Ländern deutlich verschlechtert habe. Europa habe sich dagegen stabil gezeigt, derweil vor allem China an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen habe. Heruntergebrochen auf einzelne Länder stiegen die Produktionspreise in den USA, Deutschland und Italien im Gleichschritt, während sie in Spanien und Großbritannien deutlicher zulegten.
Insgesamt sind die Produktionspreise in Europa nach der Studie nicht schneller gestiegen als in den USA, weil die Arbeitskosten langsamer anzogen als jenseits des Atlantiks. Dennoch habe Europa beim Export weltweit Marktanteile verloren. Profiteure dieser Entwicklung seien allerdings weniger US-Unternehmen, sondern Firmen aus China und dem Nahen Osten.
Die Energiekrise wird sich nach Einschätzung der Studienautoren vor allem in der Profitabilität und den Investitionen der europäischen Unternehmen niederschlagen. So wird geschätzt, dass sich die Profitabilität europaweit um 1 bis 1,5 Prozentpunkte verringert. Zugleich dürfte die Investitionsquote um 1 bis 2 Prozentpunkte sinken.